Die Idee der einer Schachpartie innewohnenden Logik und Gesetzmäßigkeit besitzt auf Schachspieler eine große Anziehungskraft. Das ist auf den ersten Blick seltsam, denn ein geistiger Wettkampf zweiter Kontrahenten mit all seinen Zufälligkeiten und Unzulänglichkeiten scheint auf den ersten Blick wenig mit den klassischen Vorbildern innerer Logik, wie Mathematik, bildende Kunst oder Musik, gemein zu haben. Niemand würde ernsthaft eine Schachpartie, wie gehaltvoll sie auch sei, mit der Vierten Symphonie von Brahms oder irgendeinem anderen großen Kunstwerk vergleichen. Und dennoch stehen Schachspieler immer wieder im Banne der Idee, dass eine Partie eine innere Form aufweist, dass sie sich zwangsläufig in eine bestimmte Richtung und zu einem bestimmten Ergebnis hin entwickelt. Das ist nicht zu verwechseln mit der Karikatur einer Schachpartie, die man häufig in Lehrbüchern findet: Spieler A versinnt einen genialen Plan, setzt ihn fehlerlos um, und dem armen Spieler B bleibt nichts anderes übrig, als seinem Gegenüber die Hand zu reichen. Die Idee der inneren Logik einer Schachpartie schließt Fehler nicht aus, ganz im Gegenteil sogar; sie erfordert jedoch, dass sich diese Fehler aus den besonderen Schwierigkeiten einer Stellung ergeben müssen, und nicht, gleichsam zufällig, dem Kampf eine unvorhersehbare Wende geben.
Die Anziehungskraft dieser Idee erklärt auch, warum Schachspieler mit bestimmten Fehlern und Niederlagen besonders hadern: letztere entstehen nicht immer auf natürliche Weise, z.B. indem man den Charakter einer Stellung verkennt und daher einen unangemessenen Plan wählt oder durch das Übersehen einer taktischen Ressource in einem scharfen Zeitnotgefecht. Häufig genug führt mangelnde Konzentration oder Aufmerksamkeit zu einem dummen Fehler, der einen sicheren Vorteil vergibt oder eine spielbare Stellung wegwirft. Die daraus enstehenden Enttäuschungen sind der Erfahrung nach die bittersten und weitaus schwerer zu verarbeiten als glatte Nullen. Wenn Schachspieler über Pech oder Ungerechtigkeit im Spiel sprechen, dann geht es meistens um Partien, denen die innere Logik abgeht, die zufällig entschieden werden, in denen ein einziger Fehler die ganze Entwicklung eines langen Kampfes auf den Kopf stellt. Das vereint sie mit Sportlern anderer Disziplinen, in denen das zufällige, irrationale Element augenfälliger zu Tage tritt: sei es ein Stolpern auf der Schlußgeraden, ein Sturz in der Abfahrt oder eine Pfütze im Rasen.
Eine Enttäuschung dieser Art hielt auch der heutige Mannschaftskampf zwischen De Stukkenjagers und Voerendaal für uns bereit. Cor van Dongen übte mit Weiß gegen Andrey Orlov starken Druck aus und besaß deutlichen Endspielvorteil. Aufgrund der passiven Stellung der schwarzen Figuren schien sogar ein leichter Gewinn im Bereich des Möglichen; Cor wickelte jedoch in ein Turmendspiel mit Mehrbauern ab. Dieses sollte bei genauer Verteidigung zu halten sein. Unter zunehmendem Druck auf der Uhr entschloß sich sein Gegner jedoch, die Ereignisse zu forcieren, was zum Verlust eines zweiten Bauerns führte. Der Mannschaftskampf befand sich zu diesem Zeitpunkt bei einem Stand von 4,5:4,5 auf dem Siedepunkt, und die Anspannung aller Beteiligten war ungeheuer. Mit eineinhalb Minuten gegenüber einer Minute auf der Uhr musste Cor noch seine zwei Mehrbauern verwerten – eine rein technische, aber angesichts einiger taktischer Tricks nicht völlig triviale Aufgabe. Zumindest nicht nach sechs Stunden intensiven Kampfes.
Es schien jedoch, dass Cor sich dieser Aufgabe problemlos entledigen würde, und mehrere Stukkenjagers atmeten innerlich bereits durch. Ich selbst war hingegen noch sehr gespannt, denn wenn eine Mannschaft gegen einen stärkeren Gegner am oberen Limit spielt, die Erwartungen übertrifft und der Sieg zum Greifen nahe ist, ist das schwer zu glauben, als habe man mit Fortuna noch eine Rechnung offen, die vor Ablauf des Kampfes noch präsentiert werden müsse. So auch hier. In folgender Stellung – Weiß: Ke4, Te5, Bg5, h5, Schwarz: Kh7, Th1 – spielte Cor korrekterweise Te7+ und sah nach dem Antwortzug Kg8, dass der Bauer h5 hängt. Daraufhin spielte er nicht Kf5 mit schwarzer Aufgabe, sondern h5-h6, worauf die zufällige, jedes Plans, jeder Absicht entbehrende Ressource Te1+ den Kampf sofort entschied. Allerdings zu Ungunsten des Weißen und der gesamten Stukkenjagers, denen der beinahe sicher geglaubte Aufstieg aus den Händen glitt.
Nun ließe sich aus der Erfahrung sagen, dass gerade diese dramatischen Wendungen häufiger passieren, als man denkt, gerade in wichtigen Situationen am Ende eines Wettkampftages. Die Irrationalität eines solchen Partieschlusses wäre demnach nur scheinbar und ließe außer Acht, dass letztlich nur Menschen mit begrenzten Kräften und Fähigkeiten am Brett sitzen, Akteure, die geradezu zwangsläufig unter Druck etwas übersehen würden. Das Bild der inneren Logik einer Schachpartie wäre demnach zu sehr am Ideal rationaler, gottgleicher Spieler orientiert.
Wer so argumentiert, macht vielleicht einen intellektuellen Punkt, übersieht aber, dass es gerade dieses Ideal ist, dass die Faszination einer guten Schachpartie ausmacht: sie lässt die Spieler inspiriert und perfekt erscheinen. Dies glückt natürlich in der Praxis häufig nur in einzelnen Partiephasen, und um so wertvoller sind diejenigen Partien, die trotz oder gerade wegen hartnäckigen gegnerischen Widerstands Struktur und Kohärenz besitzen, in denen ein Vorteil konsequent vergrößert, transformiert und schließlich verwertet wird. Sie sind es, an die man sich auch nach Jahren erinnert. Cors Partie war so ein Beispiel – gegen einen 150 Punkte höher bewerteten Gegner spielt er eine Partie wie aus einem Guß, und die einzige wichtige Frage scheint zu sein, ob der Vorteil zum Gewinn ausreicht oder nicht. Dass am Ende dieser Partie ein Ergebnis steht, das zu keinem einzigen Zeitpunkt zur Debatte stand, und das letztendlich den äußeren Umständen einer Turnierpartie mit dem Druck auf der Uhr und imKopf geschuldet ist, macht die besondere Bitterkeit dieser Niederlage aus. Im Fußball weiß man, das ein Glücksschuss jäh das Geschick wenden kann, im Schach ist man geneigt, dies zu vergessen, auch deshalb, weil es unterm Strich seltener geschieht. Aber wenn es doch einmal passiert, dann erkennen sowohl Perfektionisten als auch Praktiker die Tragik des Geschehens, und selbst die glücklichen Sieger fühlen das Zufällige ihres Erfolgs und feiern ihn mit verhaltener Freude, als gelte es, für eine wunderbare Rettung zu danken.
Saturday, March 27, 2010
Friday, March 6, 2009
Monday, February 2, 2009
Teufels Werk und Gottes Beitrag
Das Schach eher ein Spiel des Teufels als Gottes ist, weiß man seit dem Film "Das siebente Siegel". Aber es hat zuweilen göttliche Momente, Momente, die dazu führen, das man es nicht aufgibt, sondern ihm treu bleibt, trotz aller Erschöpfung, zu der es führt, trotz aller schmerzvollen Niederlagen und Enttäuschungen, die es bereitet. Der Teufel weiß eben, wie er seine Kundschaft an sich kettet.
Konkret spielte ich eine Partie in Belgien gegen Zhaoqin Peng. Ich spielte mit Weiß eine Eröffnung, die ich nicht kannte, und erreichte demnach mühelos eine bessere Stellung. Vor der Wahl zwischen einem klar vorteilhaften Endspiel und einem trivialen Einsteller stehend, entschied ich mich für den Verlustzug. Schließlich eliminierte dieser immerhin einen gegnerischen Bauern. Daraufhin war die Stellung völlig verloren, aber eben nicht sofort, solange Schwarz kein Risiko eingehen will.
Für mich bedeutete die Sicherheitsstragie meiner Gegnerin die pure Folter: immer wieder nach sofortigen taktischen Knockouts Ausschau halten müssen, wie ein angeschlagener Boxer die Arme manisch hochreißen, wenn wieder einmal etwas droht, versuchen, wenigstens einen Trick, eine Falle einzubauen, sich verzweifelt eingestehen, dass man sowieso nichts machen kann, mit dem risikolosen zweitbesten, aber völlig ausreichenden Zug konfrontiert werden, und dasselbe Prozedere einen Zug später noch einmal durchleben. Am Ende hatte ich eine glatte Minusfigur und nur theoretische Überlebenschancen aufgrund vorgerückter Freibauern. Da ich nur noch einzige Züge hatte, spielte ich schnell, um die Partie wenigstens hinter mich zu bringen und mich nicht zu lange mit dem Elend auf dem Brett befassen zu müssen.
Nachdem eine forcierte Zugfolge die Situation endgültig geklärt hatte, schaute ich wieder einmal aufs Brett, um den Zeitpunkt der Aufgabe zu bestimmen. Plötzlich ging mir auf, dass dies keine eilige Angelegenheit war, und dass die Stellung sogar glatt remis war. Ich konnte gar nicht glauben, wie das geschehen konnte und wollte es selbst gar nicht wahrhaben. Schließlich ist kaum etwas grausamer, als sich des halben Punktes sicher zu sein, und dann doch durch eine trickreiche, studienartige Variante zu verlieren. Somit brauchte ich 10 Minuten, um alle Varianten (und davon gab es nicht viele!) doppelt und dreifach durchzurechnen und mir endlich sicher zu sein, dass die Stellung remis war. Aber was für ein Gefühl: mit zunehmender Sicherheit, dass nichts mehr passieren konnte, kehrten meine Lebensgeister zurück, und statt mich mit peinigenden Selbstanklagen zu quälen, feierte ich innerlich meinen unverhofften, bereits abgeschriebenen halben Punkt. Nachdem ich meinen Zug endlich ausgeführt hatte, erkannte meine Gegnerin auch, was die Stunde geschlagen hatte, und bot umstandslos remis an.
Donner schrieb einmal, dass es nicht die großen kreativen Leistungen, sondern die unverdienten Punkte wären, die das schönste Gefühl im Schach geben. Er hatte Recht. Hinzuzufügen wäre, dass sich ein halber Punkt manchmal wie ein ganzer anfühlt. Leer und erschöpft, aber glücklich fuhr ich nach Tilburg zurück. Und bekam in Eindhoven sogar noch den knappen Anschlusszug, drei Sekunden später hätte es nicht gereicht. Kann ein Tag schöner enden?
Konkret spielte ich eine Partie in Belgien gegen Zhaoqin Peng. Ich spielte mit Weiß eine Eröffnung, die ich nicht kannte, und erreichte demnach mühelos eine bessere Stellung. Vor der Wahl zwischen einem klar vorteilhaften Endspiel und einem trivialen Einsteller stehend, entschied ich mich für den Verlustzug. Schließlich eliminierte dieser immerhin einen gegnerischen Bauern. Daraufhin war die Stellung völlig verloren, aber eben nicht sofort, solange Schwarz kein Risiko eingehen will.
Für mich bedeutete die Sicherheitsstragie meiner Gegnerin die pure Folter: immer wieder nach sofortigen taktischen Knockouts Ausschau halten müssen, wie ein angeschlagener Boxer die Arme manisch hochreißen, wenn wieder einmal etwas droht, versuchen, wenigstens einen Trick, eine Falle einzubauen, sich verzweifelt eingestehen, dass man sowieso nichts machen kann, mit dem risikolosen zweitbesten, aber völlig ausreichenden Zug konfrontiert werden, und dasselbe Prozedere einen Zug später noch einmal durchleben. Am Ende hatte ich eine glatte Minusfigur und nur theoretische Überlebenschancen aufgrund vorgerückter Freibauern. Da ich nur noch einzige Züge hatte, spielte ich schnell, um die Partie wenigstens hinter mich zu bringen und mich nicht zu lange mit dem Elend auf dem Brett befassen zu müssen.
Nachdem eine forcierte Zugfolge die Situation endgültig geklärt hatte, schaute ich wieder einmal aufs Brett, um den Zeitpunkt der Aufgabe zu bestimmen. Plötzlich ging mir auf, dass dies keine eilige Angelegenheit war, und dass die Stellung sogar glatt remis war. Ich konnte gar nicht glauben, wie das geschehen konnte und wollte es selbst gar nicht wahrhaben. Schließlich ist kaum etwas grausamer, als sich des halben Punktes sicher zu sein, und dann doch durch eine trickreiche, studienartige Variante zu verlieren. Somit brauchte ich 10 Minuten, um alle Varianten (und davon gab es nicht viele!) doppelt und dreifach durchzurechnen und mir endlich sicher zu sein, dass die Stellung remis war. Aber was für ein Gefühl: mit zunehmender Sicherheit, dass nichts mehr passieren konnte, kehrten meine Lebensgeister zurück, und statt mich mit peinigenden Selbstanklagen zu quälen, feierte ich innerlich meinen unverhofften, bereits abgeschriebenen halben Punkt. Nachdem ich meinen Zug endlich ausgeführt hatte, erkannte meine Gegnerin auch, was die Stunde geschlagen hatte, und bot umstandslos remis an.
Donner schrieb einmal, dass es nicht die großen kreativen Leistungen, sondern die unverdienten Punkte wären, die das schönste Gefühl im Schach geben. Er hatte Recht. Hinzuzufügen wäre, dass sich ein halber Punkt manchmal wie ein ganzer anfühlt. Leer und erschöpft, aber glücklich fuhr ich nach Tilburg zurück. Und bekam in Eindhoven sogar noch den knappen Anschlusszug, drei Sekunden später hätte es nicht gereicht. Kann ein Tag schöner enden?
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